Griechische Götter in Lindenthal

Am Rautenstrauchkanal in Lindenthal tummeln sich Schwäne, Stockenten, ein Reiher, eine Schildkröte – und griechische Gottheiten. Wir gehen heute zum östlichen Ende des Kanals und schauen uns an, was da links und rechts des Kanals thront.

Der Rautenstrauchkanal endet am Karl-Schwering-Platz in einem runden Becken mit Schilf und Fontäne. Den Eingang zum Rundbecken bewachen zwei Skulpturen auf weißen Sockeln. Beide Skulpturen zeigen Gestalten aus der griechischen Mythologie, nämlich einen Zentaur und eine Najade. Zentauren sind als Mischwesen mit menschlichem Oberkörper und dem Unterkörper sowie Beinen eines Pferdes bekannt. Najaden wiederum waren in der altgriechischen Vorstellung Nymphen, Naturgottheiten, die über Flüsse und andere Gewässer wachten. Nähern wir uns der rechten Figurengruppe an, offenbart sich folgendes Bild.

Figurengruppe Kentaur und Najade II
Figurengruppe Kentaur und Najade II in Vorderansicht mit versteckter Najade

Es ist kein sehr idyllisches Szenario. Die vordere Figur, der Zentaur, hat einen zornigen Gesichtsausdruck, den Mund weit geöffnet und die Augen zu Schlitzen verengt, den Oberkörper zurückgelehnt. Er scheint einen großen Gegenstand (einen Stein?) in den mächtigen Pranken zu halten und nach vorn zu schleudern. In der Vorderansicht sind die stilisierten Pferdebeine zu erkennen. Die hintere Figur ist eine nackte Frauengestalt, die Najade. Der Zentaur wendet ihr den Rücken zu, sie hat einen Arm schützend erhoben und wendet sich seitlich sitzend ab. Gleichzeitig blickt sie auf den Zentaur, den Mund leicht geöffnet und die Haare zu Berge stehend.

Kentaur und Najade II

Auf der linken Kanalseite geht es beschaulicher zu. Auch hier sehen wir eine männliche Figur, den Zentaur, im Vordergrund und eine weibliche, die Najade, dahinter. Der Zentaur lehnt seinen mächtigen Oberkörper zurück und stützt sich mit einem Arm dahinter ab. Den anderen Arm hält er vor seiner Brust. Der Kopf ist nach vorn geneigt, der Mund zu einem Lächeln verzogen. Das Gesicht erinnert mit dem Schnurrbart ein wenig an ein Walross.

Kentaur und Najade I
Kentaur und Najade I, Blickrichtung Rundbecken

Dahinter sitzt die Najade mit einem Kleiderüberwurf. Ihre Brüste liegen frei, in einer Hand hält sie ein Saiteninstrument, in der anderen den Überwurf. Wieder ist der Mund leicht geöffnet, allerdings lächelnd. Es wirkt, als stimme sie ein Liedchen an. Dazu passt auch der erhobene Kopf. Die Haare stehen nicht zu Berge, sondern liegen zivilisiert am Kopf an.

Kentaur und Najade I

Wie kommen die Figuren an den Kanal?

Die Kanalanlage wurde 1925 nach den Vorstellungen des Stadtplaners Fritz Schumacher angelegt. Die Lindenthaler Kanäle sollten den inneren und den äußeren Grüngürtel miteinander verbinden. In der Tat kann man heute vom Aachener Weiher über den Clarenbach- und Rautenstrauchkanal bis zum Stadtwald spazieren. Im Zuge des Kanalbaus fertigte der Bildhauer Eduard Schmitz 1930 die Statuen am Rundbecken an. Vorbild für die Anlage war übrigens die Düsseldorfer Königsallee. Es ist nicht ganz so mondän geworden, dafür reicher an Tieren als die Kö: Neben den Wasserbewohnern gibt es viele Fledermauskästen in den Bäumen und wenn man abends aufmerksam schaut, sieht man die Fledermäuse durch die Luft sausen.

Warum gerade Zentauren und Najaden in dieser Kombination das Rundbecken bewachen, kann ich nur vermuten. Zwar gibt es mit Cheiron, dem Lehrmeister von Achilles, und Chariklo ein berühmtes Zentaur-Najaden-Paar in der griechischen Mythologie. Allerdings habe ich keine passende Geschichte zu der zornigen und der friedfertigen Figurengruppe gefunden.

Es ist verlockend anzunehmen, dass die Wahl der Gestalten Gebäuden in der Umgebung geschuldet ist. Der Zentaur Cheiron als Lehrmeister diverser Helden könnte für die Schulen stehen. Immerhin befinden sich die Liebfrauenschule und das Apostelgymnasium in weniger als 100 Meter Entfernung vom Kanal. Allerdings waren beide 1930 noch nicht an ihren jetzigen Standorten. Allein bei der Najade ist der Bezug klar: Als Hüterin der Gewässer soll sie über den Kanal wachen und hoffentlich auch über die Entenküken, die im Frühjahr das Herz der Spaziergänger erfreuen!

Zum Weiterlesen:

https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-311650
Die Lindenthaler Kanäle in der Kulturdatenbank des Landschaftsverbandes, inklusive der Baugeschichte.

https://archive.org/details/roscher1/Roscher21IK/page/n521/mode/2up?view=theater
https://archive.org/details/ausfhrlichesle0301rosc/page/262/mode/1up?view=theater
Das Ausführliche Lexikon der griechischen und römischen Mythologie ist komplett digitalisiert und online verfügbar. Es weiß einiges über Zentauren und Najaden zu berichten. Sehr ausführlich, Altgriechischkenntnisse helfen sicher…

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