Völkerkunde und Kammerspiele

Wie das Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) zu seinem Namen gekommen ist, darum drehte sich der letzte Blogbeitrag. Heute soll es um das Gebäude am Ubierring 45 gehen, in dem das Museum bis zum Umzug ins neue Quartier 2010 beheimatet war. Der Ubierring 45 hat seit dem Bau 1904 verschiedene Gäste kommen und gehen sehen. Wir wollen schauen, welche Spuren sie im Straßenbild hinterlassen haben. Also auf in die Südstadt!

Metamorphosen eines Gebäudes

1899 hatte Adele Rautenstrauch die ethnologische Sammlung ihres Bruders Wilhelm Joest der Stadt Köln überlassen. 1901 stiftete sie zudem eine hohe Geldsumme, damit die Stadt ein Museum für eben jene Sammlung bauen konnte. Die Stifterin starb vor Beginn der Bautätigkeit 1904, sodass letztlich ihre Kinder den Bau und die Fertigstellung begleiteten. 1906 eröffnete das Museum. Folgendermaßen sah das RJM um 1910 aus:

Postkarte des RJM um 1910, gemeinfrei

Ein imposantes Gebäude, das im Zweiten Weltkrieg wie große Teile der Altstadt von Bomben getroffen wurde. Während das Hauptgebäude weitgehend intakt blieb, erlitten die Nebentrakte schwere Schäden. Nach 1945 waren phasenweise die Kammerspiele im ehemaligen Museum untergebracht. Hierfür wurden u.a. die Fenster in der ersten Etage des Haupttraktes zugemacht, um den Saal zu verdunkeln.

1967, über 60 Jahre nach der Eröffnung, kehrte das RJM an den Ubierring zurück. Allerdings stellten sich in den folgenden Jahrzehnten die Räumlichkeiten als zu klein heraus. Zudem waren die Depots aufgrund der Rheinnähe wiederholt überflutet. Deshalb zog das Museum nach langem Vorlauf und einigem Planungswirrwarr 2010 ins Kulturquartier zwischen Neu- und Heumarkt. Hier teilt es sich heute ein Gebäude mit dem Museum Schnütgen für mittelalterliche Kunst.

An den Ubierring 45 ist nach längeren Baumaßnahmen eine Schule gezogen. Das frühere RJM beherbergt nun die Igis, die Integrierte Gesamtschule Innenstadt. Vom Museum über die Kammerspiele bis hin zur Schule – welche Spuren hat die unterschiedliche Nutzung in der Fassade hinterlassen?

Spuren der Vergangenheit

Ubierring 45, Haupttrakt

So präsentiert sich die Igis in der Frontalansicht von der Haltestelle Ubierring aus. Auf dem Foto nur zu erahnen sind die beiden Seitenflügel, von denen der rechte auf folgendem Bild zu sehen ist.

Nebentrakt des ehemaligen RJM

Wir erkennen mühelos den Museumsbau von der Postkarte um 1910 wieder: ein dreiflügeliges Gebäude mit zurückgesetztem Haupttrakt, Eingang mit drei Toren und prächtig dekoriertem Giebel. In diesem Bereich hat die Museumsvergangenheit die deutlichsten Spuren hinterlassen.

Ubierring 45, Giebelwand

Starten wir oben. Das Wappen Kölns ist auch schon auf der Postkarte zu erkennen. Es besteht aus einem Schild mit elf Flammen, Anspielung auf die heilige Ursula mit ihren zehn Gefährtinnen, und drei Kronen darüber, die auf die Reliquien der drei heiligen Könige verweisen. Dahinter ist der Doppeladler mit Schwert und Zepter in den Krallen zu erkennen. Er steht für den mittelalterlichen Status Kölns einer freien Reichsstadt. Das Wappen ist prächtig eingefasst und atmet den Geist des frühen 20. Jahrhunderts.

Unter dem Gesims sehen wir die Inschrift Rautenstrauch-Joest-Museum. Auch die drei Köpfe unterhalb der zweiten Etage verweisen auf die Museumsvergangenheit. Sie stellen von links nach rechts stereotyp einen Mann mit dunkler Hautfarbe, eine Frau mit asiatischen Zügen und einen amerikanischen Ureinwohner dar. Damit stehen sie wohl sinnbildlich für die Erdteile, die im Museum abgedeckt wurden. Zugleich wecken sie unangenehme Erinnerungen an Völkerschauen und verweisen noch einmal auf das koloniale Erbe deutscher ethnologischer Museen. Oberhalb des mittleren Kopfes sind die Baujahre 1904 bis 1906 in einer Fassung verewigt.

Mittlerer der drei Köpfe, Darstellung Asiens, darüber die Bauzeit des Museums

Aus der Zeit, als das Gebäude den Kammerspielen diente, stammen vier Sgraffiti. Sgraffiti sind Wandkunstwerke, die aus mehreren Putzschichten bestehen und durch Abkratzen der einzelnen Schichten ein flächiges Bild ergeben. Sie sind neben dem Balkon zu sehen und zeigen musisch-darstellerische Motive.

Die Sgraffiti von links nach rechts: Mandoline, Maske, Blasinstrument und Harfe mit Maske

Die vier Sgraffiti wurden neben drei weiteren im Zuge von Umbauarbeiten für die Igis 2020 freigelegt. Als die Bauarbeiter Tuffsteinplatten abnahmen, um Fenster einzusetzen, kamen die Malereien zum Vorschein. Der Fund war eine Überraschung, weil man die Wandmalereien schlicht vergessen hatte. Die Sgraffiti gehen auf den Maler Otto Gerster, Professor an den Kölner Werkschulen (der heutigen TH Köln) zurück. Er gestaltete sie 1948 gemeinsam mit Schülern.

Zwar wurden die Wandmalereien mit Tuffsteinplatten abgedeckt, als das RJM 1967 wiedereröffnete und die Motive nicht mehr passten. Dabei aber schützten Trennschichten die Sgraffiti, weshalb sie 2020 in sehr gutem Zustand freigelegt werden konnten. Die sorgfältige Abdeckung in den 1960er Jahren spiegelt wohl das damalige Bewusstsein um den künstlerischen Wert der Darstellungen wider. Später gerieten sie in Vergessenheit, um 2020 wiederentdeckt zu werden. Merke: Renoviert man eine Schule, können Überraschungen zu Tage treten!

1904 bis 1906, 1948, 1967 – was ist mit den aktuellen Nutzern? Welche Spuren hat die Schule am Ubierring 45 hinterlassen? In jedem Fall schon einmal einen aktuellen Aufruf gegen Rassismus, der an der Eingangstür zu sehen ist und den Abschluss unserer Spurensuche bildet: Kein Veedel für Rassismus!

Eingangstür der Igis

Zum Weiterlesen:

Die Stadt Köln hat 2020 und 2021 mehrere Pressemitteilungen zur Entdeckung und dem Umgang mit den Sgraffiti veröffentlicht:
https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21546/index.html
https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/museum-ist-nun-schule
https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/24128/index.html

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