Herbert Lewin. Medizin und Politik

Im Jahr 2004 verlor die Stadt Köln eine prominente Bewohnerin. Die Bundesärztekammer (BÄK) folgte der Karawane der Institutionen und zog nach Berlin. Die BÄK ist die Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung und vertritt die berufspolitischen Interessen der Ärzteschaft. Sie residiert nun am Herbert-Lewin-Platz 1 in Berlin-Charlottenburg. Ihre vorherige Anschrift in Köln-Lindenthal war auch in der Herbert-Lewin-Straße, einer Querstraße der Dürener Straße.

So viel Liebe für Herbert Lewin? Nun, die Ärzteschaft hat diese Liebe erst spät entdeckt. Doch der Reihe nach. Schauen wir uns zuerst einmal an, wer Herbert Lewin war.

Arzt, Sozialdemokrat und Shoa-Überlebender

Herbert Lewin, Foto: Zentralrat der Juden Deutschlands

Herbert Lewin kam 1899 in Schwarzenau (Czerniejewo) in der Provinz Posen im heutigen Polen auf die Welt. Er stammte aus einer bürgerlich-liberalen Familie und war jüdischen Glaubens. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte er Medizin und legte 1923 das Examen ab. Die wissenschaftliche Karriere, die er angestrebt hatte, blieb ihm vermutlich aus antisemitischen Gründen verwehrt. So arbeitete er als niedergelassener Gynäkologe in Berlin.

Lewin war in den 1920er Jahren der SPD beigetreten und engagierte sich in einem Verein für die Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen mit Essen. Zudem wies der Arzt in Publikationen auf den Zusammenhang zwischen individueller sozialer Situation und Gesundheit hin.

Als sozialdemokratischer Jude war Lewin gleich mehrfach gefährdet, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Die Ärzteschaft schaltete sich rasch selbst gleich und schloss im März 1933 jüdische Mitglieder aus Vorständen und Ausschüssen ihrer Organisationen aus. Und das waren nur die ersten Schritte des Herausdrängens jüdischer Ärzte aus ihrem Berufsstand. Die Ärzteschaft hatte unter akademischen Berufsgruppen den höchsten Anteil an NSDAP-Mitgliedern. Im Rheinland waren 56 % der Ärzte Mitglied oder Anwärter der NSDAP. Zum Vergleich: Bei Lehrerinnen und Juristen blieb der Anteil unter 25 %.

1937 kam Lewin nach Köln und arbeitete im Krankenhaus des Israelitischen Asyls in der Ottostraße in Neuehrenfeld. 1938 wurde ihm die Approbation und die Berufsbezeichnung „Arzt“ entzogen, als „Krankenbehandler“ durfte er nur noch jüdische Patientinnen behandeln. Lewin wurde 1941 mit seiner Familie deportiert. Seine Frau Alice starb im Konzentrationslager. Herbert Lewin überlebte und kehrte nach Köln zurück.

Nun schlug er die wissenschaftliche Karriere ein, die ihm zuvor versagt worden war, und habilitierte sich 1948. Um seine Berufung als Chefarzt an die Städtische Frauenklinik in Offenbach rankte sich 1949 ein antisemitischer Skandal. Der Magistrat der Stadt entschied sich zuerst gegen die Ernennung Lewins zum Chefarzt. Der Grund?

„Man müsse mit Ressentiments seiner (Lewins) Rasse rechnen, man könne die Frauen Offenbachs nicht einem Dr. Lewin anvertrauen.“

Der Spiegel, 10. November 1949, S. 12.

Die Sache schlug hohe Wellen, die Verantwortlichen mussten zurücktreten. Lewin trat die Stelle in Offenbach 1950 an und wurde später auch Professor an der Universität Frankfurt. Neben seiner medizinischen Karriere hatte er von 1963 bis 1969 den Vorsitz des Zentralrats der Juden in Deutschland inne. Der Arzt starb 1982 in Wiesbaden und ist in Offenbach bestattet.

Die Ärztekammer und ihre Straße

Herbert Lewins Biographie ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Ein Arzt, der sich trotz der Shoa entschließt, in Deutschland zu bleiben und sich sogar im Zentralrat der Juden einbringt. Die BÄK hätte alle Gründe gehabt, einen integren Arzt wie Herbert Lewin hochzuhalten – wohl wissend, dass sich viele Kollegen vor 1945 die Hände schmutzig gemacht hatten.

Nun, sie tat dies mit einigen Anlaufschwierigkeiten. Ab den 1950er Jahren hatte die BÄK ihren Sitz in Köln-Lindenthal, um die Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn zu pflegen. Die Kammer wirkte darauf hin, dass die Straße, in der sie ihren Sitz hatte, 1956 in Karl-Haedenkamp-Straße umbenannt wurde. Fortan lautete ihre Anschrift Karl-Haedenkamp-Straße 1.

Karl Haedenkamp (1889 bis 1955) war ebenfalls Arzt gewesen. Er hatte ab 1933 allerdings nicht auf der Seite Lewins, sondern auf der anderen Seite gestanden. Das betrifft vor allem seine Funktionen als ärztlicher Berufspolitiker und Verbandsfunktionär. Haedenkamp arbeitete in einem ärztlichen Berufsverband und in der Interessenvertretung mit, ab 1933 im Nationalsozialistischen Ärztebund und in der Ärztekammer. Er feierte den neuen Reichskanzler Adolf Hitler 1933 im Deutschen Ärzteblatt, forderte, die Medizin in den Dienst des Nationalsozialismus zu stellen, und unterstützte das „Gesetz zur Verhütung des erbkranken Nachwuchses“. Es legalisierte die Zwangssterilisation von Menschen mit Behinderung oder psychischen Krankheiten. 1939 gab das NSDAP- und SS-Mitglied sein Amt in der Ärztekammer auf und war im Zweiten Weltkrieg Sanitätsoffizier.

Nach Kriegsende baute Haedenkamp die ärztliche Standesvertretung in der Bundesrepublik wieder mit auf. Er starb hochdekoriert mit dem großen Verdienstkreuz Mitte der 1950er Jahre. Wie tief Haedenkamp sich im Nationalsozialismus verstrickte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Gewiss ist, dass er Antisemit war und dem NS-Regime zugearbeitet hatte.

1956 honorierte die BÄK Haedenkamp, indem sie den Kölner Stadtverordneten antrug, die Straße in Lindenthal nach ihm zu benennen. In den 1980er Jahren kam Schwung in die öffentliche Debatte um die Verantwortung von Ärzten im NS. In diesem Zuge schlug die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vor, die Straße in Herbert-Lewin-Straße umzubenennen. Im Mai 1986 folgte die Bezirksvertretung dem Vorschlag. Aus der Karl-Haedenkamp- wurde die Herbert-Lewin-Straße. Die Ärzteschaft kritisierte den Vorgang:

„Die Politiker der Bezirksvertretung sahen 1986 einen Sinn darin, den Namen eines Mannes auf den Straßenschildern ,auszumerzen’, der noch drei Jahrzehnte zuvor wegen seiner Verdienste um den Aufbau des demokratischen Gesundheitswesens nach 1945 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist.“

Zitiert nach: Rebecca Schwoch, Walter Wuttke: Herbert Lewin und Käte Frankenthal: Zwei jüdische Ärzte aus Deutschland, in: Deutsches Ärzteblatt 19/2004, A 1319 – A 1321, hier: A 1321.

Die Begeisterung ob der Umbenennung hielt sich deutlich in Grenzen, ebenso das Problembewusstsein, was die ärztliche Verantwortung im Nationalsozialismus angeht.

In knapp 20 Jahren kann sich zum Glück einiges tun. Und so kam es, dass der Wind im Jahr 2004, als die Ärztekammer nach Berlin zog, anders stand. Kurz nach ihrem Einzug in die neuen Räumlichkeiten wurde der Platz vor der BÄK Herbert-Lewin-Platz getauft. Nun ließ ein ärztlicher Vertreter verlauten:

„So wird ein verdienter jüdischer Kollege geehrt, der in Köln gewirkt hat und auch hier in Berlin als gynäkologischer Chefarzt am Jüdischen Krankenhaus.“

Zitiert nach: Sabine Rieser: Herbert-Lewin-Platz: Doppelte Erinnerung. in: Deutsches Ärzteblatt 21/2004, S. 60.

Spuren Lewins in Köln

Was bleibt also von Herbert Lewin in seiner zeitweiligen Wirkungsstätte Köln? Das Krankenhaus in Neuehrenfeld, in dem Lewin ab 1937 gearbeitet hatte, gibt es nicht mehr. An seiner Stelle steht nun ein Jüdisches Wohlfahrtszentrum. Es gehört zur Synagogen-Gemeinde an der Roonstraße und beherbergt eine Grundschule, einen Kindergarten, ein Elternheim und andere soziale Einrichtungen.

Das jüdische Wohlfahrtszentrum an der Ottostraße in Neuehrenfeld, Foto: Elke Wetzig (Elya), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Einen Stolperstein für Lewin gibt es nicht, wohl aber einen für Irma Salomon, geb. Sternberg. Er ist vor der Sürther Hauptstraße 74 zu finden. Irma Salomon war die zweite Ehefrau Herbert Lewins. Auch für sie war es die zweite Ehe, ihr erster Mann war im Konzentrationslager ermordet worden.

Stolperstein von Irma Salomon in Sürth, © 1971markus@wikipedia.de / Cc-by-sa-4.0

Schließlich erinnert uns der Straßenname in Lindenthal nicht nur an den Arzt selbst, sondern auch daran, wie sich die deutsche Ärzteschaft mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzte. Der Weg führte über das Leugnen der eigenen Verantwortung und das Festhalten an einer Person wie Haedenkamp zur Anerkennung der dunklen Flecken. Heute vergibt die BÄK mit dem Gesundheitsministerium und anderen Organisationen jährlich den Herbert-Lewin-Preis. Er prämiert Forschungsarbeiten zur Rolle der Ärzteschaft in der NS-Zeit.

Zum Weiterlesen:

Das Deutsche Ärzteblatt hat ein ziemlich weit online einsehbares Archiv. Es gibt einen ausführlichen Artikel über Herbert Lewin und Käte Frankenthal, beides Mediziner, die während des NS verfolgt wurden. Und hier ein Beitrag zum Umzug nach Berlin und dem Herbert-Lewin-Platz als neuer Anschrift.

Einige historische Artikel des Nachrichtenmagazins Spiegel kann man sich auch online anschauen. Der Spiegel hat sowohl 1949 zum Antisemitismus-Skandal rund um die Berufung Lewins nach Offenbach berichtet, als auch 1981 über Ärzte im Nationalsozialismus. Im letztgenannten Artikel taucht u.a. Karl Haedenkamp auf. Weitere biografische Infos zu Haedenkamp gibt es hier.

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