Köln ist immer für Überraschungen gut. Keine fünf Minuten vom lärmenden Barbarossaplatz entfernt versteckt sich ein Kloster, dessen Bewohnerinnen noch heute einen Großteil ihres Tages mit Schweigen verbringen: der Karmel Maria vom Frieden.
Ich habe das Kloster bei einem kleinen Spaziergang durch das Pantaleonsviertel entdeckt. Ausgangspunkt war der Barbarossaplatz, der hässlichste Platz Kölns, bei dem schwer vorstellbar ist, dass hier früher ein Springbrunnen stand. Verlässt man den Platz Richtung Nordosten, dann gelangt man in ein überraschend heimeliges und wohnliches Straßengewirr rund um die Kirche St. Pantaleon: Friedrichstraße, Michaelstraße, Am Pantaleonsberg usw.
Das Pantaleonsviertel gehört zur Altstadt-Süd, der historischen Stadtmitte Kölns. Es lag innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern und ist somit seit über 1000 Jahren besiedelt. Ein wenig ahnt man das heute noch, wenn man durch das Veedel geht. Die Häuser stehen dicht, die Straßen sind schmal, fast nur Einbahnstraßen. Der Kontrast zum Barbarossaplatz mit seinen Hochhäusern, der komplexen (nett gesagt!) Verkehrsführung und dem Nebeneinander von Autos, Straßenbahnen, Fahrradfahrern und Fußgängern könnte nicht größer sein.
Als Wahlkölnerin habe ich mich daran gewöhnt, auf Schritt und Tritt Kirchen zu begegnen. St. Pantaleon hat mich bei meinem Spaziergang also nicht überrascht. Einige Meter weiter auf der Straße Vor den Siebenburgen (schöner Name!) bin ich wiederum auf diesen Kirchenbau gestoßen:

Die Kirche gehört zu einem größeren Gebäudekomplex, der hier zu erkennen ist:

Bei aller Gewöhnung an Kirchen, diese hier hat mich dann doch überrascht, vielleicht weil sie so barock anmutet. Als neugierige Spaziergängerin habe ich mich schlau gemacht und herausgefunden, dass der ganze Gebäudekomplex ein Kloster ist, der Karmel Maria vom Frieden. Aber was genau ist ein Karmel?
Der Orden der Karmelitinnen
Ein Karmel ist ein Kloster, das zum Orden der Karmelitinnen gehört. Der Name Karmel leitet sich vom Gebirge Karmel im heutigen Israel ab. Dort wurde der Orden während der Kreuzzüge im 13. Jahrhundert gegründet. Der weibliche Zweig der Karmelitinnen bildete sich im 15. Jahrhundert.
Der Orden hat einen eremitischen Ursprung, der ein gottgeweihtes Leben in Abgeschiedenheit von anderen Menschen vorsieht. Heute noch gehören Schweigen und Phasen in der Einsamkeit der eigenen Zelle zum Alltag der Karmelitinnen. Das gilt auch für die Frauen, die jetzt den Karmel Maria vom Frieden bewohnen. Es ist eine kleine Gemeinschaft, die dort betet und arbeitet. Sie betreiben einen Klosterladen und sogar eine Website (siehe unten).
Auf der Website berichten sie auch von wechselhaften Geschichte des Karmels in Köln. Im 17. Jahrhundert gegründet und errichtet, lebten hier bis 1802 Karmelitinnen. Dann lösten die wenig kirchenfreundlichen Franzosen den Konvent im Zuge der napoleonischen Besatzung auf. Die Kirche wurde zur Pfarrkirche. Die Karmelitinnen siedelten sich 1899 wieder in Köln an. Allerdings zogen sie nach Lindenthal, in die Dürener Straße 89. An das Gebäude erinnert heute nicht mehr viel, es wurde im Krieg vollständig zerstört. Auch der Karmel im Pantaleonsviertel erlitt Kriegszerstörungen, die Kirche brannte komplett aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Schwestern ihn auf und zogen 1949 wieder ein.
Beten in der autofreundlichen Stadt
Während die Karmelitinnen wieder an ihre alte Wirkungsstätte zurückkehrten, veränderte sich auch die Umgebung des Pantaleonsviertels. Eine der großen Veränderungen war die Nord-Süd-Fahrt. Sie ist eine Verkehrsachse in – der Name lässt es erahnen – Nord-Süd-Richtung durch die Altstadt. Die Strecke wurde in den 1960er Jahren Stück für Stück für den Verkehr freigegeben. Beim Bau wurden zusammenhängende Veedel im historischen Stadtkern geopfert, um dem motorisierten Verkehr Platz zu machen. Die Nord-Süd-Fahrt atmet also in jederlei Hinsicht den fürchterlichen Geist der autofreundlichen Stadt. Das südlichste Teilstück der Strecke bildet die Ulrichgasse, die etwa 100 Meter entfernt vom Karmel entlangführt.
Der Konvent ist somit heute von drei Hauptverkehrsachsen umgeben. Im Süden führt die B 9 über die Ringe, im Osten die Nord-Süd-Fahrt, im Norden und Westen, vom Barbarossaplatz kommend, die B 55. Auf einer Karte sieht das Pantaleonsviertel fast aus wie eine Insel im Meer vielbefahrener Straßen. Man kann etwas melancholisch sein ob dieser Zerstörung alter Stadtstrukturen und dem Platz, den wir den Autos gegeben haben. Auch das ist aber natürlich ein Teil der Kölner Geschichte, ob er uns nun gefällt oder nicht.
So oder so: Wenn ihr euch mal zum Barbarossaplatz verirrt, nehmt euch etwas Zeit und spaziert durch das Pantaleonsviertel. Es gibt ein Stück altes Köln und mit dem Karmel ein Kloster mitten im Wohngebiet sowie davor einen Stolperstein zu entdecken. Er ehrt Edith Stein, eine heiliggesprochene Karmelitin. Doch das ist ein neues Fundstück und eine andere Geschichte…

Zum Weiterlesen:
http://www.karmelitinnen-koeln.de
Website der Kölner Karmelitinnen mit Informationen zur Geschichte, zum Orden und Fotos vom Karmel.
Joachim Feldes, Auf den Spuren Edith Steins durch Köln, Wien 2020.
Ein Pilgerführer durch Köln auf den Spuren der bekanntesten Karmelitin Edith Stein. Sehr spezielle religiöse Lektüre.
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