Die Namen Rautenstrauch und Joest begegnen uns allein und in Kombination an verschiedenen Orten in Köln. In Lindenthal führt eine Rautenstrauchstraße direkt entlang des Kanals. Sie quert den Gürtel, sodass ein kleiner Straßenzipfel am Stadtwald endet. Parallel zu diesem Straßenzipfel, ebenfalls zwischen Gürtel und Stadtwald, verläuft die Joeststraße. In Kombination finden wir beide Namen am Ubierring 45. Hier steht das alte Rautenstrauch-Joest-Museum, wovon noch die Fassade kündet.

Das neue Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) befindet sich seit 2010 an der Cäcilienstraße, zwischen Neumarkt und Heumarkt. Es ist das ethnologische Museum der Stadt Köln, dessen Ausgangspunkt die Sammlung eines Herrn Joest war. Und damit sind wir schon mittendrin bei der Frage: Wie kommen die Namen Rautenstrauch und Joest in das RJM?
Industrialisierung made in Cologne
Alle Wege beginnen bei Napoleon, so auch dieser. Als die Franzosen 1794 in Köln einmarschierten, trafen sie auf eine Stadt, die im Mittelalter stehen geblieben war. In den Folgejahren modernisierten die Franzosen das Rechts- und Wirtschaftssystem der Stadt. Sie sorgten für Religions- und Gewerbefreiheit für Protestanten sowie Juden und schafften die Zünfte ab. Erst jetzt war es Nichtkatholiken in Köln erlaubt, Immobilien zu erwerben. Diese Neuerungen überdauerten die Franzosenzeit und blieben in Kraft, als die Stadt 1814 Teil Preußens wurde. Sie bildeten die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung.
Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts gingen protestantische Unternehmer u.a. aus dem Bergischen Land an den Rhein, um hier wirtschaftlich tätig zu werden. Sie arbeiteten in der Zuckerwirtschaft, im Handel mit Tierhäuten, im Bankgewerbe. Kölner Banken sowie Unternehmen beteiligten sich am Bau der frühen Eisenbahnen im Rheinland und legten Zechen im Ruhrgebiet an. Kurzum, die Industrialisierung kam in der Stadt an.
Natürlich waren nicht alle Unternehmer der Zeit protestantisch. Die beiden Familien, um die es hier geht, fallen aber genau in die Gruppe jener, die angelockt durch die Religions- und Gewerbefreiheit ihr wirtschaftliches Glück am Dom suchten. Rautenstrauchs importierten Tierhäute für die Gerberei. Der Stammsitz des Unternehmens war in Trier, Ludwig Theodor Rautenstrauch baute ab den 1820er Jahren das Kölner Zweiggeschäft auf. Joests wiederum stammten aus Solingen und waren in der Zuckerindustrie tätig. Carl Joest gründete 1831 eine Zuckerraffinerie in Köln. Die Geschäfte liefen so gut, dass Joest Ende der 1830er Jahre der größte Steuerzahler der Stadt war.
Der Sammler und die Mäzenatin
Springen wir in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Rautenstrauchs und Joests zählten inzwischen zu den wohlhabenden Industriellenfamilien Kölns. Maßgeblich für das RJM sind die Enkelkinder Carl Joests: Wilhelm Joest und seine Schwester Adele, verheiratete Rautenstrauch.

Wilhelm Joest lebte von 1852 bis 1897. Er nutzte das Familienvermögen für Forschungsreisen rund um die Welt. Sie führten ihn nach Asien, Nord- und Südamerika und Afrika. Auf seinen Reisen baute er eine ethnografische Sammlung auf mit
gekauften, getauschten und erbeuteten Objekten (…).
https://suedostasien.net/museen-als-verhandlungsorte-fuer-dekolonisierungsprozesse/
Seine Sammlung umfasste menschliche Überreste wie Schädel, aber auch Schüsseln und Schmuck. Als er 1897 auf einer seiner Reisen starb, hinterließ er die Objekte seiner Schwester Adele Rautenstrauch (1850-1903).
Adele Joest, die 1872 in die Familie Rautenstrauch eingeheiratet hatte, vermachte die Sammlung 1899 der Stadt Köln. Nach dem Tod ihres Mannes Eugen Rautenstrauch im Jahr 1901 stiftete sie zudem 250 000 RM für den Bau eines Museums, das die Objekte zeigen sollte. Bedingung war, dass das Museum die Namen Rautenstrauch und Joest tragen sollte. So öffnete das Rautenstrauch-Joest-Museum 1906 am Ubierring in der Südstadt seine Pforten.
Gekauft, getauscht und erbeutet
Die Joest’sche Sammlung war der Ausgangspunkt für das Museum. Sie ist durch Objekte von Adele und Eugen Rautenstrauch, durch Schenkungen und Käufe beständig angewachsen. Das RJM muss sich wie viele europäische Museen mit der Frage beschäftigen, unter welchen Umständen die Exponate in seinen Besitz gekommen sind. Diese Aufgabe übernimmt die sogenannte Provenienzforschung.
Bei einem ethnologischen Museum geht es vor allem darum, welche Rolle koloniale Bedingungen beim Aufbau der Sammlung gespielt haben: Wie freiwillig wurde ein Gegenstand überlassen? Wurde er gegen ein anderes Objekt eingetauscht, gekauft, geklaut oder heimlich mitgenommen? Gehören menschliche Überreste wie Schädel zur Sammlung und wie sind sie in das Museum gelangt? Kurzum, wie sehr spiegelt sich die koloniale Sichtweise auf „unzivilisierte Völker“ in den Museen wider?
Manchmal ist das Ergebnis der Provenienzforschung, dass Objekte unrechtmäßig in Museen gelandet sind und an die Eigentümer oder das Land, aus dem sie stammen, zurückgehen. So hat das RJM 2018 einen Maori-Schädel nach Neuseeland zurückgegeben. Über welche Wege genau er zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Köln gelangt ist, bleibt unklar. Klar ist, dass Neuseeland ein Repatriation-Programm initiiert hat, um menschliche Überreste aus Museen weltweit wieder an die Maori-Communitys zurückzugeben. Im Frühsommer 2018 hat eine Delegation aus Neuseeland den Schädel in einer feierlichen Zeremonie im Museum in Empfang genommen.
An der Stelle schließt sich der Kreis zu Adele Rautenstrauch und Wilhelm Joest. Sie stehen für den Aufstieg von Industriellenfamilien in Köln im 19. Jahrhundert und ihr Mäzenatentum zum Wohle der Stadt. Gleichzeitig erinnern ihre Namen an die kolonial-rassistische Perspektive, die der Ausgangssammlung des RJM zugrunde lag und das Museum bis heute beschäftigt.
Zum Weiterlesen und -hören:
https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Epochen/1794-bis-1815—aufbruch-in-die-moderne.-die-%22franzosenzeit%22/DE-2086/lido/57ab23d29508f8.06009224
Guter Überblick über die Veränderungen Kölns während der Franzosenzeit, aka das Ende des Mittelalters am Rhein.
Ulrich Soénius hat 2002 einen Vortrag über die protestantischen Zuwanderer gehalten, die die Industrialisierung im 19. Jahrhundert nach Köln gebracht haben. Joests und Rautenstrauchs tauchen hier auf.
https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/rautenstrauchludwigtheodor100.html
Ludwig Theodor Rautenstrauch (1922-2018), Enkel von Adele Rautenstrauch, berichtet von seiner Familiengeschichte. Sehr interessant zu hören, ein wilder Ritt durch über 200 Jahre Familien- und Kölner Geschichte.
https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-310614
Die Grabstätte der Rautenstrauchs auf dem Friedhof Melaten hat einen Eintrag in der Datenbank Kultur.Landschaft.Digital.
Über die Rückgabe des Schädels aus dem RJM nach Neuseeland berichtete 2018 der Deutschlandfunk. Da das RJM ein städtisches Museum ist, musste der Stadtrat der Übergabe zustimmen. Eine recht ungewöhnliche Beschlussvorlage: https://ratsinformation.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=649017&type=do
Weitere Restitutionsprojekte laufen im RJM. Im Sommer 2022 gab es im Museum eine Podiumsdiskussion zu einem Lefem, einer Holzstatue aus Südwestkamerun: https://www.youtube.com/watch?v=wor5ue-TPqg
Nachtrag: Ende November 2022 gab es das passende WDR-Zeitzeichen zum 125. Todestag von Wilhelm Joest. Es geht genauer auf die Rolle von Gewalt in Joests Leben ein, sei es in seiner Ehe oder bei seiner Forschung: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-todestag-wilhelm-joest-100.html
1 Kommentar