Denkmäler sind Kinder ihrer Zeit. Sie ehren Personen, feiern Werte und zeigen eine bestimmte Version der Geschichte. Doch was passiert mit Denkmälern, wenn die Personen kritischer gesehen werden und wenn die Werte sich ändern?
Manche werden gestürzt, so das Wissmann-Denkmal in Hamburg. 1968 entfernten Studis der Uni Hamburg es, um auf das Erbe des deutschen Kolonialismus aufmerksam zu machen. Hermann von Wissmann und Hans Dominik, die beiden gestürzten Figuren, waren Kolonialoffiziere. Andere bleiben stehen, sind aber wiederkehrend Diskussionsthema, etwa das Reiterstandbild von Wilhelm II. an der Hohenzollernbrücke in Köln.
Und wieder andere werden umgewidmet. Das schauen wir uns heute am Beispiel des Denkmals am Rumpelstein in Gernsbach (Baden) an. Lies gern vorab den letzten Blogeintrag zu dem Denkmal. Die Kurzversion: Von den Nazis für die gestorbenen Soldaten des Ersten Weltkriegs erbaut, wurde es anschließend fünfmal baulich verändert. Neue Gruppen, derer gedacht werden sollte, kamen beim lediglich oberflächlich entnazifizierten Denkmal hinzu. Gleichzeitig blieben Leerstellen in der Erinnerung an die echten Opfer des Nationalsozialismus. Außerdem stellte sich zusehends die Frage: Soll eine NS-Weihestätte überhaupt als Denkmal genutzt werden?
Ein Denkmal wird umgewidmet
Im September 2019 beschäftigte sich der Gernsbacher Gemeinderat mit dem Kriegerehrenmal. In der Sitzung entschied er, dass es zu einem Mahnmal und Lernort umgestaltet werden sollte. Um das Denkmal zum Sprechen zu bringen, sollte die Gemeinde Infotafeln vor Ort anbringen und Bildungsangebote auf die Beine stellen. In den Folgemonaten fanden sich Freiwillige aus Gernsbach in einem Arbeitskreis zusammen. Die Gruppe erarbeitete Vorschläge zur Ausgestaltung der Infotafeln.
Im Herbst 2020 befasste sich der Gemeinderat erneut mit dem Thema. Nun stellte der Arbeitskreis seine Textvorschläge vor. Das städtische Gremium votierte im ersten Schritt dafür, die offizielle Bezeichnung „Ehrenmal“ durch „Denkmal am Rumpelstein“ zu ersetzen. Im zweiten Schritt segnete es die Infotafeln ab und beauftragte das Stadtarchiv, Bildungsarbeit durch Führungen auf dem Gelände zu übernehmen. Zudem sicherte der Gemeinderat zu, das Monument baulich zu erhalten, inklusive nötiger Reparaturen. Hingegen lehnten die Ratsmitglieder mit knapper Mehrheit die Errichtung eines zusätzlichen Denkmals ab. In der Nähe des umgewidmeten Ehrenmals angedacht, sollte es bislang ausgeblendeter Opfergruppen des Nationalsozialismus gedenken.
Wenn man heute zum Rumpelstein hochläuft, befindet sich das NS-Kriegerehrenmal weiterhin gegenüber von der terrassenförmigen Tribüne. An der Anlage wurde nichts verändert, allerdings sind seitlich die Infotafeln angebracht.

Die von den Freiwilligen erarbeiteten Tafeln bieten einen Überblick über das Denkmal, seine Errichtung, Ideologie und die Änderungen ab 1945. Die erste Tafel greift sehr schön den Doppelcharakter des Denkmals als Ort der NS-Ideologie und des persönlichen Erinnerns zugleich auf:
Dieses Denkmal ist in vielerlei Hinsicht ambivalent und diskussionswürdig. (…) Es erzählt von Kriegsverherrlichung, Ausgrenzung von Juden, Verdrängung in der Nachkriegszeit, und zugleich wurde es ein Ort des auch persönlichen Erinnerns. Hinter jedem der mehr als 400 hier vermerkten Namen steht ein Schicksal. Mehrere Generationen von Angehörigen haben hier getrauert und ihrer Nächsten gedacht.
Infotafel „Überblick“
Mit dieser sensiblen Einordnung und den weiteren Texten gelingt es Gernsbach, das Denkmal zum Sprechen zu bringen. Ich finde es ist richtig toll, dass sich die Gemeinde entschieden hat, den Ort zu erhalten und ihn umzuwidmen. Dass bei der historischen Einordnung Bürger beteiligt waren, ist ein weiteres Plus. Das Ergebnis mutet der Besucherin mehr zu als ein leicht konsumierbares Denkmal, macht es aber auch interessanter.

Der Rumpelstein ist ein kompliziertes Denkmal und erinnert an unschöne Momente in der Geschichte. Es abzureißen, würde die Ereignisse nicht ungeschehen machen. Als Lernort hat es viel über die lokale Geschichte des Nationalsozialismus und der Bundesrepublik zu erzählen. In diesem Sinne: Chapeau, Gernsbach!
Und du, Köln?
Als ich mir den Rumpelstein angeschaut habe, kam mir ein anderes schwieriges Kölner Denkmal in den Sinn: das Ehrenmal des deutsch-französischen Krieges (siehe dieser Blogbeitrag). Es steht auf dem Melaten-Friedhof und erinnert an die deutschen Soldaten, die in Kölner Lazaretten 1870/1871 starben. Andere Epoche als der Rumpelstein, aber ähnlich in dem Sinne, dass die Werte des Denkmals nicht mehr in der Form gelten. Preußischer Militarismus ist nicht mehr en vogue.
Wäre das nicht was, wenn wir das Denkmal auf dem Melaten-Friedhof zum Sprechen bringen? Als Grabstätte vieler Männer, als Produkt seiner Zeit und als Abbild deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts? Das würde den Ort nachhaltiger prägen als das Blumengesteck, das die Stadt Köln jedes Jahr zu Allerheiligen niederlegt.
Zum Weiterlesen:
Die Badischen Neuesten Nachrichten haben den Prozess, wie Gernsbach das Denkmal umgewidmet hat, ausführlich begleitet: hier, hier, hier und hier nachzulesen.
Aus Geseke kam der Hinweis (vielen Dank!) auf das örtliche Denkmal für die Toten des Ersten Weltkriegs. Ebenfalls Mitte der 1930er Jahre eingeweiht und mit dem Edda-Spruch „Ewig lebt der Toten Tatenruhm“ versehen. Hier kann man sich anschauen, wie die Stadt den Ort eingerahmt hat.