Es wird Zeit, dass wir das linksrheinische Köln verlassen und übersetzen, um uns im Rechtsrheinischen auf Spurensuche zu begeben. Wer zu viel Nähe zum Wasser scheut, kann auch die KVB-Linien 1 oder 9 nehmen. Es geht nach Kalk!
Ein toter Friedhof neben den Gleisen
Wir fahren bis Kalk Kapelle, biegen in die Kapellenstraße ab, passieren dabei die Kalker Kapelle und sehen nach wenigen hundert Metern linkerhand einen Park. Er ist von einem Zaun und Eingangstoren umgeben, nicht besonders schön (was vielleicht auch an der Jahreszeit liegt) und auch nicht beeindruckend groß. Nach hinten bilden Gleise die Begrenzung, schon beim Betreten des Parks sehen wir Güterzüge aus der Ferne.

Ein unspektakulärer Ort, aber trotzdem unser Ziel, denn dieser Park ist der alte Friedhof Kalk. Er entführt uns in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich Kalk, damals noch nicht zu Köln gehörig, zur Industriestadt entwickelte und mehr Platz brauchte, um seine Toten zu beerdigen. Doch der Reihe nach.
Leben und Sterben in Kalk
Kalk war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine ländlich geprägte Gemeinde mit überschaubaren 96 Einwohnern (Stand 1846). Ab den 1850er Jahren siedelten sich hier Kölner Unternehmen im großen Stil an, etwa aus der Chemie- und der Metallbranche. Für sie war Kalk attraktiv, weil Land günstig war und außerhalb der Kölner Festungsanlagen lag. Damit durften die Unternehmen gemäß preußischer Bestimmungen in Kalk Fertigungsanlagen errichten. Die Industrialisierung erfasste den Ort, die Einwohnerzahlen explodierten. Lebten 1865 schon fast 3000 Menschen in Kalk, erreichte die Einwohnerzahl um 1900 die 20000. 1881 hatte Kalk das Stadtrecht erhalten, 1910 wurde es ein Stadtteil Kölns.
Bei einer so rasanten Einwohnerentwicklung stieg auch der Bedarf an Friedhofsfläche. Das zeigt sich am alten Kalker Friedhof, der in den 1850ern eingeweiht worden war. Er lag damals außerhalb der Siedlung auf freiem Feld. Damit kamen die Kalker den Bestimmungen nach, die unter Napoleon in Kraft getreten waren und von den Preußen fortgeführt wurden. Sie untersagten Bestattungen innerhalb der Stadtmauern und führten, wir erinnern uns, auch zur Gründung des Melaten-Friedhofs auf der anderen Rheinseite. Auf dem Kalker Friedhof wurden Katholiken und Protestanten nebeneinander bestattet, was den katholischen Gemeindevorstand in Kalk in den 1850ern sehr erzürnte. Die jüdischen Einwohner von Kalk wurden auf dem jüdischen Friedhof in Deutz beerdigt.
Obwohl der alte Friedhof mehrmals erweitert wurde, reichte der Platz schon um 1900 nicht mehr aus. Der Stadtrat schaute sich nach freien Flächen um – im nun sehr viel dichter besiedelten Kalk keine einfache Aufgabe. Die Wahl fiel schließlich auf ein Gelände in Merheim, östlich von Kalk. Hier erfolgte 1904 die Einweihung des neuen Kalker Friedhofs. Der alte Friedhof wurde geschlossen, wobei in den Folgejahrzehnten noch vereinzelt Beerdigungen in Familiengräbern stattfanden. Da nur wenige Tote umgebettet wurden, verblieben die meisten Gebeine auf dem alten Friedhof. In den 1950er Jahren wurde das Gelände in einen Park umgestaltet.

Heute ist der alte Friedhof ein seltsamer Ort. Durch die verstreuten Grabstätten erkennt die neugierige Spaziergängerin, wozu das Gelände ursprünglich gedient hat. Nun ist es vor allem ein Hundeparadies für Anwohner aus der Nachbarschaft. Der alte Friedhof wirkt, als sei er von der Zeit überholt worden: Beim Bau noch außerhalb der Besiedlung, ist er längst eingequetscht zwischen Bahngleisen, einer Kirche, einer Straße und Wohnhäusern. Ein handtuchgroßer Friedhof für einen Stadtteil, der schnell über dieses Begräbnisort hinauswuchs. So profan der Blick auf die Güterzüge ist, so berührend sind die einzelnen Grabsteine als Spuren der Verstorbenen und dessen, wofür dieser Ort einmal stand.
Zum Weiterlesen:
Eberhard Becker und Michael Werling (Hg.), Der alte Friedhof in Köln-Kalk. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine Dokumentation in Text, Bild und Zeichnung, Köln 2008.
Projekt der Geschichtswerkstatt Köln und der Architekturfakultät der FH Köln zum Friedhof. Das Buch dokumentiert mit viel Aufwand alle erhaltenen Grabsteine und macht Vorschläge für eine weitere Nutzung des Ortes.
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