Auf Melaten kann man einige überraschende Entdeckungen machen. Eine davon sieht so aus:

Wie kommt ein französisches Grab auf einen Friedhof mitten in Köln? Und was hat es mit den verstorbenen französischen Soldaten auf sich? Schauen wir uns das Ganze genauer an!
Französische Kriegsgefangene am Rhein
Kurzer Rückblick: Beim deutsch-französischen Krieg kämpften deutsche Staaten unter der Führung Preußens gegen das französische Kaiserreich. Der militärische Konflikt dauerte von Sommer 1870 bis Winter 1871, er fand fast ausschließlich auf französischem Boden statt. Bis zu 48 000 deutsche und rund 140 000 französische Soldaten starben auf den Schlachtfeldern. Am Ende des Krieges stand eine verheerende französische Niederlage. In diesem Zuge musste der französische Kaiser Napoleon III. abdanken, auf das Zweite Kaiserreich folgte die Dritte französische Republik. Auf der anderen Seite ging das Ende des Krieges mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches einher. Im Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. in Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt.
Doch heute soll es weniger um die große Politik gehen als um ein Phänomen, auf das die Preußen nicht vorbereitet waren: Schon im September 1870 nahm die deutsche Armee nach der Schlacht von Sedan unter den französischen Soldaten 85 000 Gefangene. Viele weitere folgten nach der Kapitulation von Metz einige Wochen später. Wohin mit ihnen? Anfangs in provisorischen Lagern vor Ort untergebracht, kamen sie danach mit dem Zug nach Deutschland. Insgesamt wurden rund 400 000 Soldaten in Kriegsgefangenenlagern im gesamten Deutschen Reich interniert.
In Köln trafen ab September 1870 ca. 16 000 Männer ein. Unter ihnen gab es eine hohe Fluktuation; viele blieben nur einige Wochen oder Monate, ehe sie in andere Städte gebracht wurden. Sie kamen im rechtsrheinischen Gebiet unter, in Lagern in Deutz, Gremberg und Wahn. Das gilt allerdings nur für die „normalen“ Soldaten, die Offiziere wohnten in Privatunterkünften im Stadtgebiet. Im März 1871 konnten die ersten die Heimreise nach Frankreich antreten.
Der Toten Gedenken
Über 500 französische Soldaten starben in der Kriegsgefangenschaft in Köln. Sie erlagen ihren Kriegsverletzungen oder Krankheiten, die sie sich im Lager zugezogen hatten, etwa den Pocken. Die meisten von ihnen fanden ihre letzte Ruhe auf dem Melaten-Friedhof. Hier wurde bereits Ende Mai 1872, noch nicht einmal zwei Jahre nach Kriegsbeginn, ein Grabdenkmal für sie aufgestellt. Damit stand das Denkmal für die französischen Soldaten übrigens auch früher als das Ehrenmal für die in Köln gestorbenen deutschen Soldaten. Seine Denkmalweihe fand 1875 statt.

Das Denkmal besteht aus einem hohen Kreuz aus Sandstein, darunter eine Inschriftenplatte mit rotem Schriftzug:
Erigé par leurs compatriotes
À la Mémoire des soldats français décédés en 1870-71
R.I.P.
Durch ihre Landsleute errichtet. In Erinnerung an die 1870-71 verstorbenen französischen Soldaten. Requiescat In Pacem: Ruhet in Frieden

Rechts und links des „À la Mémoire“ sind zwei Leisten mit militärischen Insignien zu sehen: rechterhand ein Kanonenrohr, aus dem eine Kugel donnert, linkerhand Bajonette und ein Käppi. Am Fuß des Gedenksteins steht ein biblisches Zitat aus dem Hebräerbrief. Es ist ebenfalls mit rot nachgezeichnet, aber deutlich schlechter zu lesen:
Et nunc meliorem patriam appetunt
Hebr. 11, 16
Nun aber streben sie zu einem besseren Land. Hebr. 11, 16. Es geht um das himmlische (Vater-)Land.
Eine Grabplatte liegt vor dem Gedenkstein, hier ist die Inschrift witterungsbedingt kaum noch lesbar. Es ist das Grab von Donat François Mazuyer, der im Oktober 1871 in Köln an Typhus starb. Er war 28 Jahre alt. Mazuyers Grab ist das einzige verbliebene Einzelgrab und sein Name der einzige unter den bestatteten Soldaten, den wir erfahren. Anfangs in Einzelgräbern beerdigt, bettete die Friedhofsverwaltung fast alle Gebeine später in Sammelgräber um.

Eines von vielen
Das Grabdenkmal auf dem Kölner Melaten-Friedhof ist eines von vielen deutschlandweit für die französischen Soldaten von 1870/1871. Insgesamt starben um die 17 000 von ihnen in deutscher Kriegsgefangenschaft. Im Friedensvertrag verpflichteten sich das Deutsche Reich und Frankreich, die Kriegsgräber auf eigenem Boden zu bewahren. In knapp 50 deutschen Städten gibt es Grabdenkmäler für französische Soldaten, die vor Ort starben: u.a. in Dresden, Braunschweig, Mannheim, Karlsruhe und Gerolstein.
Die Erinnerungsorte gleichen sich oft bis in die Formulierung der Inschriften, auch der Bibelvers ist wiederkehrend. Das hängt damit zusammen, dass sie aus ein und derselben Hand stammen. Der französische Verein l’Œuvre des tombes et des prières (Werk der Gräber und Gebete) zeichnete für sie verantwortlich.
Das Œuvre war ein katholischer Verein, was wiederum das biblische Zitat erklärt. Der ist insofern bemerkenswert, als mit sehr großer Sicherheit auch jüdische und muslimische Soldaten unter den Toten waren. Frankreich rekrutierte seine Soldaten teilweise aus den Kolonien in Nordafrika. Das Ehrenmal für die deutschen Soldaten von 1870/1871, nur wenige Meter entfernt, ist im Vergleich dazu religionsneutral. Die Erbauer hatten bewusst auf biblische Bezüge verzichtet, um den verstorbenen jüdischen Soldaten gerecht zu werden.
Ich finde außerdem bemerkenswert, dass das Grabdenkmal auf Melaten sowohl in seiner Gestaltung als auch in der Wortwahl wenig militaristisch-patriotisch daherkommt. Kein „Feld der Ehre“, stattdessen ein Bibelzitat, das auf etwas Höheres als das eigene Vaterland verweist. Vielleicht liegt es daran, dass Patriotismus auf fremden Boden und angesichts der Niederlage unpassend erschien. Es ist gut denkbar, dass die Denkmäler in Frankreich, die an die verstorbenen Männer aus den jeweiligen Orten erinnern, anders gestaltet sind, weil sie nach innen wirken sollten. Ein „morts pour la France“ (für Frankreich gestorben) wirkt in Frankreich anders als in Deutschland.
Das Ehrenmal für die deutschen Soldaten auf Melaten ist da aus anderem Holz geschnitzt. Es atmet deutlich den Geist des Siegers. Letztendlich hat der Zahn der Zeit mehr an ihm genagt als an dem französischen Grabmal. Preußischer Militarismus ist nicht mehr en vogue. Über 150 Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg treffen sich beide Denkmäler wieder: Beide Ehrenmale sind weitgehend vergessen und erinnern an einen Krieg, der von späteren überschattet wurde. Sie zeigen uns, wie der Konflikt fernab der Front in Köln greifbar war, sei es durch französische Kriegsgefangene oder deutsche Lazarette. Und nicht zuletzt: Die Soldaten, die gegeneinander kämpfen mussten, liegen nun wenige Meter voneinander entfernt begraben.
Zum Weiterlesen:
Mario Kramp, 1870/71. Franzosen in Köln. Die vergessenen Gefangenen des Deutsch-Französischen Kriegs, Weilerswist 2021.
Schön bebildert und sehr ausführlich zum Thema!
Hier gibt es weitere Infos über das französische Grabdenkmal auf Melaten, das übrigens auch schon einmal Denkmal des Monats war: https://melatenfriedhof.de/erinnerungen-an-den-deutsch-franzoesischen-krieg-auf-melaten/
Zu anderen Städten in Deutschland und ihren Denkmälern für die gestorbenen französischen Kriegsgefangenen von 1870/1871: Braunschweig und Mannheim